Besuch der Rangierbahnhof­siedlung in Nürnberg

In der Geschichte der Bahn spielen Eisenbahner, Strecken, Lokomotiven, Wagen und die technische Infrastruktur eine herausragende Rolle.

Nicht vergessen werden darf aber auch die Wohnsituation der Beschäftigten bei der Eisenbahn.

Der Nürnberger Rangierbahnhof wurde im Jahr 1903 eröffnet. Für die damals rund 1.500 Eisenbahner standen nur 50 Wohnungen bereit. Die meisten Beschäftigten hatten lange Wege von den Wohngebieten Nürnbergs zu dem im Reichswald liegenden Rangierbahnhof. Ziel der Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen (K.Bay.Sts.B.) war es für die Beschäftigten des Rangierbahnhofes arbeitsplatznahe Wohnungen zu schaffen.

Auf einer 14 ha großen unmittelbar an dem Rangierbahnhof angrenzenden Fläche wurde deshalb eine Gartenstadt mit romantischer Architektur geplant. Entwurfsverfasser war der bei der Generaldirektion der K.Bay.Sts.B. beschäftigte Regierungsdirektor Dr. Julius Gröschel. Die Fläche stand im Eigentum der Eisenbahn.

In der ersten Bauphase ab 1904 wurden von der K.Bay.Sts.B 57 Wohnungen in 25 Häusern errichtet. Den Ausgangspunkt der Siedlungstätigkeit bildet der „Burg“ genannte zwei- bis dreigeschossige Häuserkomplex auf einer kleinen Anhöhe.

Die Planung umfasste zwei Kirchen (beide Kirchen wurden von Eisenbahnarchitekten entworfen) und eine Schule im Zentrum, Wohnhäuser mit Gärten, eine romantischer Architektur mit malerischen Straßenbildern, eine aufgelockerte Bauweise mit unterschiedlichen Haushöhen, gebogene Straßenverläufe mit T-förmigen Straßeneinmündungen.

Die Rangierbahnhofsiedlung erweckt teilweise noch heute den Eindruck einer barocken Kleinstadt. Der Zugang zur Siedlung erfolgt über einen torähnlichen Eingang im Norden in der Bauernfeindstraße und einen Torbau im Verlauf der Klenzestraße im Süden.

Am 4. August 1907 initiierte der Schlosser Matthäus Herrmann auf Betreiben der Eisenbahnverwaltung die Gründung der „Eisenbahner-Baugenossenschaft Nürnberg-Rangierbahnhof“, die sich im Jahr 1942 mit der “Baugenossenschaft des Eisenbahnerpersonals Nürnberg und Umgebung (bde)” vereinigte und deren Namen übernahm. Der Genossenschaft schlossen sich nach der Gründung in kürzester Zeit weit über 500 Genossen an, .die einen Genossenschaftsanteil von 100 Mark erwerben mussten

Matthäus Herrmann (1879 – 1959) war als Vorstand die prägende Persönlichkeit der Baugenossenschaft und der Wohnkolonie. Herrmann war von Beruf Maschinenschlossermeister, Heizer und Lokführer. Er war SPD-Mitglied und gewerkschaftlich stark engagiert. Von 1919 bis 1928 war er SPD Landtagsabgeordneter. 1928 wurde er in den Verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahn berufen. Er war auch Mitglied des Kirchenvorstandes der evangelischen Kirchengemeinde St. Paul.

Die Nationalsozialisten verdrängten ihn 1933 aus seinen Ämtern und inhaftierten ihn bis Ende 1933 im KZ Dachau. Seine Freilassung erfolgte aufgrund  einer Initiative des Reichsbahn-Generaldirektors  Julius Dorpmüller und des Reichsbahnverwaltungsrates. Eine erneute Inhaftierung erfolgte 1944/1945. Nach dem Krieg war Herrmann von 1946 -1949 Landtagsabgeordneter und von 1949 – 1953 Bundestagsabgeordneter der SPD. Nach ihm wurde 1964 der Platz vor dem Genossenschaftssaalbau als Matthäus-Herrmann-Platz benannt. Eine Gedenktafel wurde an einem der Häuser des Platzes angebracht.

Nachdem die Trägerschaft für den Wohnungsbau von der staatlichen Eisenbahnverwaltung auf diese eigens zu diesem Zweck gegründete Baugenossenschaft übergegangen war, begann um 1907/1908 die eigentliche Bautätigkeit.

Den Baugrund stellte die K.BaySts.B. der Baugenossenschaft durch die Erteilung von Erbbaurechten zur Verfügung. Die Erstellung der Planung und die Bauleitung erfolgte kostenlos durch die Eisenbahndirektion Nürnberg. Die Eisenbahnverwaltung besaß allerdings eine Reihe von Mitspracherechten  zu Bebauung, Nutzung und Vermietung der Grundstücke.

Es erfolgte eine Vollfinanzierung der Baumaßnahmen mit einem staatlichen Mitbestimmungs- und Aufsichtsrecht und zwar mit 80% Staatsdarlehen und 20% Wohlfahrtsdarlehen der Arbeiterpensionskasse der Bayerischen Verkehrsanstalten in Rosenheim.

Bis 1913 entstanden 205 Wohnungen in 39 Häusern, damit konnten rund 20 Prozent der Beschäftigten mit Wohnraum versorgt werden. Die Schule, die nach dem Willen der Bewohner als Gemeinschaftsschule betrieben wurde, entstand 1913.

Die K.Bay.Sts.B. baute 1916 noch drei Häuser mit Post, Milch- und Käseladen.

Ab 1922 errichtete die Baugenossenschaft 11 Häuser mit 66 Wohnungen, darunter ein Laden für den Konsumverein, den die Bahn zu Zeiten des Königreichs Bayern immer ablehnte, da der sozialdemokratisch geprägt war.

1925 folgte ein Badehaus. Vorher war die einzige Bademöglichkeit einmal in der Woche in der Wagenreinigungshalle des Rangierbahnhofs. 1927 wurde ein Kindergarten gebaut.

Der Genossenschaftssaalbau am heutigen Matthäus-Herrmann-Platz entstand 1928. Auch dieser Bau wurde zu Zeiten des Königreichs immer abgelehnt, um, wie es hieß, den Sozialdemokraten keine Agitationsstätte zu bieten.

 In den zwanziger Jahren erfolgten weitere Wohnungsbauten, 1939 baute die „Siedlungsgesellschaft Mitteldeutschland GmbH Halle (Saale)“ am Gleißnerplatz Wohnungen im Mietskasernenstil. Nachdem dort Eisenbahner aus dem Rheinland angesiedelt wurden, bezeichneten die bisherigen fränkisch / oberpfälzisch geprägten Bewohner diese Ansiedlung als „Preußenhof“.

Die Rangierbahnhofsiedlung ist von Kriegszerstörungen nicht verschont geblieben. Erst bis Ende 1951 wurden die kriegszerstörten Häuser wieder aufgebaut.

Verkehrsmäßig wurde die Rangierbahnhofsiedlung durch die heutige Münchner Straße und vor allem durch den an der Ringbahn gelegenen 1904 eröffneten Haltepunkt Nürnberg-Zollhaus erschlossen. Diese Bahnverbindung war bis zur Erschließung der Siedlung mit der Straßenbahn im Jahr 1929 die einzige öffentliche Verbindung mit der Nürnberger Innenstadt.

Der öffentliche Personenverkehr wurde am 27. September 1987 eingestellt und der Haltepunkt nach Aufgabe des Dienstpersonenverkehrs am 31. Mai 1992 stillgelegt.

Das Gebäude des Haltepunkts und die daran anschließende Brücke wurden 2011 unter Denkmalschutz gestellt. Das Gebäude ist ungenutzt. 2018 wurde die alte Brücke mit Zustimmung des Denkmalschutzes abgebrochen und als Replik für vier Millionen Euro neu errichtet.

Am 1. März 1972 wurde der U-Bahnhof Bauernfeindstraße eröffnet, die Straßenbahn zur Bauernfeindstraße wurde nach Erweiterung des U-Bahn Netzes am 28. Januar 1978 eingestellt.